Schlagwort-Archiv: Gedichte rund um den Tod

GEDICHTE RUND UM DEN TOD

Ein wesentliches Thema der aktuellen Opposition von Jupiter und Pluto (exakt am 20. Juli, im 5°-Umkreis seit Ende Juni) ist das Verstehen des Todes. Der 6fach-Mord von Stade und die Tötung von 10 Mönchen in Thailand haben das Thema deutlich in den öffentlichen Fokus gebracht.
Hier einige lyrische Beiträge zum Verstehen des Todes.

TÖDLICHES VERSTEHEN

Mein letzter Wille -
die Verordnung einer Brille,
damit ich den Tod besser sehe,
bevor ich ihn verstehe.
SELBSTFINDUNG

Als ich an meinem Grabstein stand,
ich mich endlich selber fand.
FLUSS

Kaum hatte er sechs
Menschen erschossen,
Tränen über seine
Wangenknochen flossen.
GERADE

Als mich der Tod
mal wieder ereilte,
ich gerade in
Zeitlosigkeit verweilte.



AUFSTAND

Der Tote stand
                           lächelnd auf
                                        und sagte:
“Mit einem gewissen Restrisiko
                                          werden wir
in unserer
                                  technisierten Welt
immer leben müssen.”
ÜBERLEBEN

Das Leben
ist ein Spiel,
das einzig
NIEMAND
überlebt.
MORTIMER

Der Tod kam in Gestalt eines Schemen,
um sich für sie Zeit zu nehmen.
“Gestatten, mein Name ist Mortimer,
Lady, Ihr Leben ist im Eimer!”
Die Lady blickte verwirrt auf die flirrende Gestalt
und versuchte es zunächst mit brachialer Gewalt.
Doch der Baseballschläger zerbrach wie nix
an dem schemenhaften Boten des Geschicks.

“Das ist sinnlos, werte Dame,
wie gesagt, Mortimer, mein Name,
es ist an der Zeit zu gehen,
neue Gefilde zu erspähen.”
Sie schrie: “Ich habe Sie nicht bestellt,
doch nehmen Sie hier dieses Geld,
und gehen Sie woanders hin,
ich jedenfalls bleibe hier drin!”

Mortimer lächelte und fächelte
der Frau etwas Frischluft zu:
“Mit Verlaub, Sie sind dümmer als die Kuh,
die niemals ihren Schlächter bestellt,
außerdem arbeite ich nicht für Geld,
sondern nur auf ihr eigenes flehentliches Bitten,
werden die Menschen aus dem Leben geschnitten.
Ganz gleich, ob gut oder böse,
ob Schwanz oder Möse,
ich sie alle aus ihrer Form löse,
dann können für immer befreit sie bleiben
oder auch neugewandet sich Leiden einverleiben.”

Die Lady weinte bitterlich,
schrie dann ganz fürchterlich
& blickte den Schnitter flehend an:
“Das war bestimmt mein Mann,
schon lange will er mich loswerden,
möchte leben ohne mich auf Erden!”
Mortimer lächelte leicht verzückt:
“Lady, Sie sind völlig verrückt,
einzig Ihre Seelenpartikelmehrheit
hat mich herbeigesehnt,
hier bin ich nun, Mortimer mein Name, wie erwähnt.
Wenn Sie nicht einmal wissen,
was in Ihrer Seele vorgeht,
dann ist es für Sie sowieso schon längst zu spät,
es tut mir wirklich leid, es wird nun dringend Zeit
zu gehen, um für die neue Runde bereitzustehen.”

Doch die Lady war ziemlich schlau,
schließlich war sie eine Zwillingsfrau.
“Meister Mortimer, ich mach Ihnen keinen Verdruß,
doch gibt es einen gänzlich neuen Seelenbeschluß,
hier auf dieser Erde zu verbleiben,
um die Selbsterkenntnis voranzutreiben!”

Der Schemen verfärbte sich giftig grün
und richtete sie blitzschnell mit der Sense hin:
“Nur schlaue, oberflächliche Gedanken,
die sich um falsche Vorstellungen ranken,
einen wirklichen Wandel konnte ich nicht sehen,
darum mußte endgültig aus dieser Form sie gehen”,
nickte Mortimer der universellen Kamera zu
und bettete die Lady sanft zur letzten Ruh.
UMKOMMEN

Als ich den Tod
unter die Lupe nahm
ich in Gram umkam.
WENDUNG

Als die Leiche plötzlich zu husten begann,
der Leichenwäscherin das Blut in den Adern gerann.
Die Leichenwäscherin jetzt im Koma liegt,
die Leiche hingegen auf die Bahamas fliegt.
REALITY

Verurteilt
       zum Tode
              am Strang
                    der
                        Realität.                          


TOD IM ALL

Bei dem Versuch
                             während eines Arbeitsausflugs
                   einen sogenannten
‘Early Ammoniak Server',
                                            der
Ersatzammoniak
                               für das Kühlsystem
der Station enthält,
                                auszutauschen,
wurde
            der Astronaut
Daniel Sperry,
                        Mitglied
der Besatzung
der Internationalen Raumstation (ISS)
von einem
                  millimetergroßen
Weltraumschrottpartikel,
                                        der mit
fünfzehn Sekundenkilometern
                             unterwegs war,
mitten ins Herz
                           getroffen.
Der NASA-Weltraummüll-Verantwortliche:
“ Der Einschlag
                           sah aus 
                                    wie das Loch
von einer Kugel.”

(C) Alle Gedichte Matthias Wiesner Gießen 1995 – 2026